Dieses Video zeigt eine Rettung von Flüchtlingen mitten auf dem Meer.

Eine Idylle im Ägäischen Meer, bei Griechenland. Wunderbare Wellen, leichte Brise, angenehme Temperaturen kurz vor Sonnenaufgang. Am Himmel graut es noch nicht mal. Ein Rettungsboot fährt durch die Meer und durchsucht das glasklare, weite Wasser, welches zwischen Griechenland und der Türkei liegt. Sie suchen Reisende in Seenot. Schleuser arbeiten am liebsten in diesen dunklen Morgenstunden, sie fahren viele, verzweifelte Menschen von der türkischen Küste in die Europäische Union, genauer gesagt erst mal nach Griechenland. Im Juni gingen Reporter mit an Bord des Rettungsbootes, sie wollen aufklären, wie die Rettung und Sicherung der Flüchtlinge funktioniert. Mit den portugiesischen Behörden wurden sie auf das Boot gebracht. Die Bilder sind erschreckend.

Es wurde von der europäischen Gemeinschaftsagentur ‘Frontex’ ein portugiesisches Polizeiteam ins Leben gerufen, nachdem 2015 viele tote Flüchtlinge aus dem Wasser gezogen und von griechischen Stränden gefunden wurden. Sie sollen möglichst viele Leichen verhindern und die Flüchtlinge lebend auf dem Meer bergen. Die Einsätze sind umstritten, denn viele Kritiker behaupten, dass die Grenzschützer nicht effektiv genug arbeiten. Oder sie würden mehr als Abschreckung wirken. Die Reporter wollen viele Fragen klären.

Im Juni hat die dreiköpfige Crew 26 Erwachsene und Kinder gerettet, sie alle sind inzwischen auf der griechischen Insel Lesbos. Um 5.20 Uhr verlässt das Boot den Hafen.

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Molyvos zur Dämmerung. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

“Wir fahren vom Hafen Molyvos, er liegt an der nördlichen Spitze von Lesbos. Die Crew hat Hotspot-Gebiete, in welchen vermehrt Flüchtlingsboote gesehen wurden. Es kreuzen viele große Schiffe im Mittelmeer, unseres ist nur ein kleines Boot. Wir können nur wenig Personen bergen, andere können bis zu mehreren hundert Menschen wochenlang aufnehmen. Unseres hat vorne und hinten kleine Decks, einen überdachten Bereich, in dem der Captain mit einem Radar Flüchtlingsboote sucht. Decken, Militärausrüstung und kugelsichere Westen, das Boot ist unter Deck gut ausgerüstet. Wenn sie Flüchtlinge bergen, wird alles benötigt.”

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Ein portugiesisches Polizeiboot. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Aus dem Urlaubsparadies, welches Vogelbeobachter und Touristen aus aller Welt anzog, ist eine Aufnahmestation geworden, ein Epizentrum der Flüchtlingskrise. Erst als im März der Deal zwischen der EU und der Türkei geschlossen wurde, sankten die Zahlen der Flüchtlinge und Migranten. Aber es sind immer noch viele Menschen, die den lebensgefährlichen Weg auf sich nehmen. Es ist nicht immer eine leichte Aufgabe, Polizist Ricardo Pereira berichtet: “Seit drei Monaten arbeiten wir schon auf See.” Drei Personen haben sie wiederbelebt, fünf Schleuser konnten sie aus dem Verkehr ziehen. Manche davon waren unter den Flüchtlingsbooten versteckt. Aber David Melo meint, dass sie unermüdlich weiter machen. Ihre Familie in der Heimat bestärke sie dabei.

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Captain Carlos Rodrigues funkt der griechischen Küstenwache. Bild: Willa Frej/The Huffington

Um 6.20 taucht ein kleiner, schwarzer Punkt auf dem Radarschirm auf. Der Captain beeilt sich und das Boot schießt auf einen Fleck am Horizont zu. Pereira holt ein Fernglas, versucht einen besseren Blick auf das Boot zu bekommen und gibt das Okay.

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Ricardo Pereira hält mit seinem Fernglas Ausschau. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Per Funk wird der Küstenwache aus Griechenland Bescheid gegeben. Aber erst mal kommen sie nicht näher ran, das Schlauchboot ist noch nicht in den griechischen Gewässern, die Helfer dürfen nicht in die türkischen Wasser vordringen.

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Das Schlauchboot ist mittlerweile gut sichtbar. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Als sie versuchen, die türkische Küstenwache zu erreichen, nimmt keiner ab. Niemand interessiert sich für die Flüchtlinge. Dabei wären sie zuständig, so lange das Boot in ihrem Gewässer ist. Zehn Mal versuchen sie es. Dann macht sich die portugiesische Besatzung breit, die kugelsicheren Westen werden angelegt. “Nur für den Fall.” irgendwie bin ich mir sicher, dass da auch Angst dahinter steckt.

Endlich, um 6.45, dürfen wir uns dem Schlauchboot nähern. Alle sind an Deck, fassen mit an. Auch ein schwedisches Rettungsboot ist inzwischen in der Reichweite und bietet Hilfe an.

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Das Boot nähert sich dem Rettungsschiff. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Alle Crew-Mitglieder weisen immer wieder darauf hin, dass sie das Boot anhalten sollen. Endlich geht der Motor aus. Man dreht bei, die Boote liegen nebeneinander. Dann werden Bojen zu den Passagieren geworfen, die Menschen zittern und haben sichtlich Angst. Sprechen wollen sie eigentlich gar nicht. Auf Englisch wird eine erste Kontaktaufnahme durch geführt.
“Wo kommt ihr her?” ist die erste Frage der Crew.
“Nigeria, Kongo, Syrien”, der Mann, welcher die Sprecherrolle übernommen hat, zögert.
“Wie viel hat euch diese Überfahrt gekostet?” fragt die Crew wieder.
“Tausend Dollar.” meint der Mann.

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Rodrigues, Pereira und Melo bitten die Passagiere auf dem Schlauchboot, erst einmal ruhig sitzen zu bleiben. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

“Gibt es medizinische Notfälle, dringende Behandlungsnot?” fragt die Crew.
“Nein.” meint der Mann.
Inzwischen haben sie auch die türkische Küstenwache am Funk. Angeblich hätten sie das Funkgerät überhört, weshalb sie die Flüchtlinge nicht retten konnten. Laut Rodrigues hat die Türkei schnelle Schiffe, welche es ihnen leicht machen würde, solche Schlauchboote einzuholen.

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Frauen aus Nigeria und dem Kongo warten darauf, an Land gebracht zu werden. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Um 7 Uhr kommen 26 Menschen auf das Boot, drei Kinder sind darunter. Diese werden zuerst versorgt und auf dem Boot unter Deck gebracht. Dann sind die Frauen dran, zuletzt die Männer. Eine der Frauen, angeblich heißt sie Marie, spricht gut französisch. Ihre Familie hätte ihr geholfen, aus dem Kongo zu entkommen. Eine Woche musste sie in einem türkischen Wald leben, erst an diesem Morgen seien sie in das Boot gestiegen. Niemand warte auf sie in Europa, sie wisse nicht, wo sie hin soll. Eine andere Frau mit den drei Kindern sitzt im Innenraum. Direkt neben Rodrigues. Er fragt sie, ob der Mann, der eines der Kinder heben wolle, der Vater sei, er schüttelt den Kopf. Die Mutter weint leise, bevor sie erklärt, dass der Vater der Kinder in Syrien bei einer Explosion das Leben verloren hat.

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Die Mutter und ihre Tochter sind sichtlich erschöpft. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Nochmals wird die griechische Küstenwache angefunkt, wir nehmen Kurs auf die Küste. Das Schlauchboot wird mit all seinen Rucksäcken und Taschen an das Rettungsboot gebunden, dann geht es los. Als klar ist, das es nach Griechenland, in die EU geht, klart die Stimmung unter den Flüchtlingen merklich auf. Sogar die Mutter lächelt. Aus immer mehr Ländern kommen die Geretteten, sogar aus der Dominikanischen Republik und aus Neapel sind Flüchtlinge inzwischen dabei. Die Türen zu Europa werden aber immer kleiner. Mit dem Deal zwischen der Türkei und der EU dürfen immer mehr Mitgliedsstaaten ihre Grenzen dicht machen und Flüchtlinge abweisen. Diese stranden dann in Griechenland, die Griechen wissen auch nicht mehr wohin mit ihnen. Zur Zeit sitzen laut dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (Juni 2016) 44.148 Flüchtlinge und Migranten auf dem griechischen Festland fest – 8.430 weitere auf den Inseln, die zu Griechenland gehören.

Um 8.20 sind wir an der Küste angelangt. Die meisten Flüchtlinge haben Winterjacken an, sie versuchen, der aufgehenden Sonne auszuweichen, um nicht geblendet zu werden. Dann ist Lesbos sichtbar. Ein Junge drückt sich ans Fenster und schaut nach Griechenland.

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Ein Junge wirft einen ersten Blick auf Europa. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Vor einigen Monaten wurden hunderttausende orangefarbene Rettungswesten bei Lesbos angespült. Es sieht aus, als wenn die Flüchtlingskrise dort alles überschattet. Die Behörden haben hart gearbeitet, um die Überreste zu entfernen, die Rettungswesten und die gekenterten Boote sind inzwischen auf Mülldeponien. Stapel von mindestens drei Metern Höhe gemahnen aber noch an diese Tage.

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Die Rettungswesten werden auf Stapeln gelagert. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Skala ist ein idyllischer Hafen im Osten von Molyvos, hier arbeiten Freiwillige der ‘NGO Lighthouse Relief’, sie helfen den Neuankömmlingen vom Rettungsboot. Die Helfer verteilen Wasserflaschen, Kekse und Decken, die Flüchtlinge stehen mit ihren Winterjacken im 30 ° heißen Sommer und halten sich doch die Decken um. Jetzt dürfen sie europäischen Boden betreten. Sie haben immer noch Angst, dass man sie zurück schickt.

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Ein syrischer Flüchtling bedankt sich bei Melo. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Die Helfer bringen die Flüchtlinge in einen schattigen Bereich, sie können dort Plastikcontainer nach Schuhen und Kleidung durchsuchen. Die Crew steigt wieder ins Schlauchboot, die Rucksäcke und Taschen werden unter den Flüchtlingen ihrem Eigentümer gegeben. Ein Bus wird die Menschen nach Moria oder Kara Tepe bringen, Flüchtlingscamps auf Lesbos. Die Crew lässt die Luft aus dem Schlauchboot und wirft es auf den steinigen Strand. Dann ziehen sie wieder los.

Der Text entstammt aus der Worldpost.

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